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Autor Thema: Zwischen Schutt und Unkraut...  (Gelesen 478 mal)

Gundohar

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Zwischen Schutt und Unkraut...
« am: August 17, 2018, 06:58:05 Nachmittag »
Ein ziemlich kleiner Mann stromert seit einigen Tagen in den Schutthügeln rund um die letzten verbliebenen Wohnhäuser der einstigen Prachtstadt Altyn herum. Er wühlt mal hier in den Steinen, misst mal dort eine Strecke mit seinen kurzen Schritten ab, läuft kopfschüttelnd von hier nach dort und verzeichnet immer wieder etwas auf Pergament. Nach seinem Körperbau, der Kleidung und dem langen Bart zu urteilen entspricht er genau den alten Beschreibungen von... nein, das kann nicht sein: schon vor langer Zeit haben die artharianischen Gelehrten einstimmig bewiesen, dass der Glaube an diese Kreaturen altem Volksglauben entsprang. Die ungebildeten Siedler und Bergleute aus der alten Welt suchten nach Erklärungen für verschiedene rätselhafte Ereignisse und Beobachtungen, die sie nach ihrer Ankunft hier durchlebten. So erfanden sie zum Beispiel feuerspeiende Drachen, um sich den rauchenden Berg im Nordwesten der fruchtbaren Ebenen zu erklären, Kornhexen die die Verantwortung für Missernten und Fehlgeburten tragen sollten und die Alben, denen man alles sonstige Übel ankreiden konnte. Die aufstrebende artharianische Alchemie und Medizin, beseitigten und korrigierten die meisten dieser Irrtümer und neue Einwanderer kamen, deren Sinn nicht nach Ammenmärchen stand. So sind all die Wunderwesen und Kobolde samt anderen religiösen Vorstellungen der jetzigen Generation kaum noch in Erinnerung.

Für einen untersetzten, kleinen Menschen ist jener Herumtreiber in den Ruinen der Bergbaustadt allerdings ungewöhnlich klein und ungewöhnlich stämmig. Dafür aber ziemlich flink und kräftig - mit welcher Leichtigkeit störende Balken und Steine durch die kurzen Arme aus dem Weg gehoben werden ist bewundernswert. Seine Mode scheint nicht von hier, und nicht aus diesem Jahrhundert. Grübelnd mag man zudem als Betrachter feststellen, dass er für einen Mythos aus alten Gutenachtgeschichten überaus lebendig und real wirkt. Sinnestrübungen und Wahnvorstellungen sollen ja als Folgeerscheinung auftreten, wenn man unter Tage zu viel Grubengas einatmet. Zu dumm, dass es dagegen keine Impfung gibt. Und noch dümmer, dass der nächste Arzt erst in Asgard zu finden ist.

Antw:Zwischen Schutt und Unkraut...

Gundohar

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Antw:Zwischen Schutt und Unkraut...
« Antwort #1 am: August 18, 2018, 04:04:27 Nachmittag »
All das scheint unseren kleinen Mann nicht zu beschäftigen. Er hat gerade erst für eine bessere Aussicht einen mit Gras und Disteln überwucherten Ziegelhaufen erklommen und scheint mit Karte in der Hand und Sonnenstand eine bestimmte Himmelsrichtung anzupeilen. Kurz lässt er sich durch ein paar Brennesselhalme ablenken, die er ohne Scheu mit bloßen Händen ausrupft und in seinen Wanderbeutel stopft. Dann scheint er die gesuchte Stelle gefunden zu haben. Der kleine schmutzige Mensch - wir wollen es vermeiden, ihn als Zwerg oder Alben zu bezeichnen, denn wir sind aufgeklärt genug um zu wissen dass es soetwas nicht gibt - schreitet nun mit Riesenschritten, gemessen an seinen Möglichkeiten, über das unregelmäßige Kopsteinpflaster einer alten Hauptstraße, vorbei an Grasflächen, Mauerresten, einem intakten und gepflegten Haus und der einen oder anderen zugewachsenen Baugrube. Vor einem großflächigen und von Steinen und morschen Holzresten bedeckten Areal bleibt er stehen. Mit seinen Schritten misst er eine ganze Strecke entlang der Haupstraße ab, steckt dann einen Holzpflock in das Erdreich ehe er die Richtung ändert und vorsichtig über die Steinhaufen hinweg eine weitere Wegstrecke abmisst und wiederum mit einem Holpflock markiert. Das wiederholt er so lange, bis ein ziemlich großes Rechteck direkt im Zentrum des alten Stadtkerns markiert ist. Dann macht er sich zufrieden ans Erkunden und Säubern der ausgewählten Fläche. Stein um Stein und Balken um Balken werden fortgeschleppt und auf mehrere Haufen geschichtet, wohl getrennt nach Material und den Gesichtspunkten "brauchbar" und "unbrauchbar". Dem Heraussuchen von Glas- und Metallresten widmet der Zwerg, Verzeihung, der kleinwüchsige Mensch besondere Aufmerksamkeit.

Nach Stunden, in denen er rastlos so geschuftet hat und selbst der geneigteste Betrachter (sehr viele davon gibt es ja im Ort nicht) aus Langeweile wieder begonnen hat seinem Tagwerk nachzugehen, bricht das Menschlein unversehens ein und stürzt in einen Hohlraum unter den Hausresten. Ein mürrischer Fluch aus der Tiefe verrät, dass der Sturz nicht allzu großen Schaden angerichtet haben kann. Das Räumen und Entrümpeln geht nun unterirdisch in dem ehemaligen Keller weiter.

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Gundohar

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Antw:Zwischen Schutt und Unkraut...
« Antwort #2 am: August 18, 2018, 05:37:14 Nachmittag »
Unverständliches Gebrüll das die Vögel aus den Bäumen und Sträuchern schreckt hebt an - ein Schmerzensschrei? Hastig schmeißt der Zwerg Trümmer von der steinernen Kellertreppe, bahnt sich einen Weg nach oben. Und rollt etwas vor sich her: ein großes Eichenfass. Umständlich richtet er es auf, bedacht darauf nichts zu beschädigen. Danach öffnet er sorgfältig den Deckel und nimmt eine Kostprobe mit seinem schmutzverkrusteten Finger. Kann so überhaupt irgendetwas außer Schweiß und Erde schmecken? Ein zweiter fürchterlicher Schrei folgt, Bewegungen und Gesichtszüge des dreckigen Alben beweisen, dass es ein Ausdruck großer Freude sein soll. Alt-Artharianer, stolz wie sie auf ihre Umgangsformen sind, blicken ja bereits auf die einfachere, klarere Sprache der späteren Einwanderer herab und nennen diese abfällig "Barbaren". Was dieser laufende Meter aber gerade von sich gegeben hat muss in jedermanns Ohr klingen wie eine stumpfe Säge, die über einen Granitblock gezogen wird. Wurde nicht ebenso unmelodisch die Sprache der Zwerge in den altvorderen Erzählungen geschildert?

Was auch immer der Kleine gerufen hat, wir wissen jetzt dass er das Altyner Bier sehr zu schätzen weiß, auch wenn es in dem Keller des ehemaligen Wirtshauses ein wenig abgestanden sein dürfte. Nachdem er kurz wieder unter der Erde verschwunden ist, taucht er mit einigen versiegelten Tonkrügen auf. Einen öffnet er ungeduldig, riecht daran und nimmt dann hastig einen kräftigen Zug. "Ahhhhhhhh" lautet das kulturübergreifend verständliche Urteil. Nun wirft er einen Blick auf das Etikett: Albenblut. Die Augen weiten sich, während der Mund gelbe Zähne preisgibt, dann verfällt der Zwerg in herzhaftes Lachen. Der menschliche Humor scheint dem Bergmännchen jedenfalls zu gefallen.

Von der flüssigen Stärkung beflügelt arbeitet der kleine Mann umso emsiger, bis schließlich das ganze Feld von Schutt, Gerümpel und Wucherungen gesäubert ist und Kellerräume zweier benachbarter Gebäude frei einsehbar sind: des größeren Wirtshauses (es muss ein Fachwerkbau gewesen sein, der auf einem soliden Steinfundament mit großzügigen Lagerflächen errichtet worden war) auf der einen Seite und eines etwas kleineren aber kostspieliger gestalteten Backsteinhauses direkt daneben. Die Grundmauer des Letzteren war derart massiv ausgeführt und die Kellerräume zudem mit so dicken eisernen Türen ausgestattet, dass es sich um ein Kaufmannshaus, eine Bank oder zumindest eine Wechselstube gehandelt haben muss. Der Zwerg, wir können ihn nach derzeitigem Kenntnisstand wohl getrost so bezeichnen, nickt zufrieden. Er scheint schon konkrete Pläne zu haben wie er das Vorhandene nutzen und gestalten will.